Mandukyakarika

Ist das Sein Einheit, Dualität, Vielheit oder Nicht-Dualität? Wurde die Welt der Namen und der Formen aus dem Nichts geschaffen, hat sie sich manifestiert oder ist sie aus etwas hervorgegangen? Ist sie wirklich, nicht-wirklich oder – paradoxerweise – sowohl das eine als auch das andere? Das sind die am hitzigsten debattierten Fragen westlicher Philosophen aller Epochen – von Thales bis Pythagoras, von Platon über Plotin bis hin zur neuzeitlichen Philosophie.

Und wie äußern sich die Philosophen des Ostens? Was sagt der Advaita Vedanta, die Lehre der Nicht-Dualität ?

Gaudapada, von dem man annimmt, dass er im sechsten Jahrhundert nach Christi gelebt hat, gilt als erster menschlicher Meister, der die Advaita-Überlieferung empfangen und an seine Schüler weitervermittelt hat. Er, der die höchsten Gipfel der Verwirklichung erklommen hat, erkannte, dass die letzte Wirklichkeit weder entstehen noch vergehen kann. So enthüllte er den Menschen zum ersten Mal in größter Klarheit den Ajativada (Lehre der »Nicht-Erzeugung«) und den Asparsayoga (Yoga »ohne Stützen und ohne Beziehung«), die beide bereits in der Sruti dargelegt sind.

Sankara, der im achten Jahrhundert nach Christi lebte, greift die Advaita-Thematik Gaudapadas wieder auf und erläutert sie in einer bis heute unübertroffenen und scharfsinnigen Dialektik.

Zur Darlegung der zwei Wege, Ajativada und Asparsayoga, kommentierte Gaudapada die Mandukya Upanisad, ein aus zwölf Versen bestehendes Werk, das von der heiligen Silbe Om und den Bewusstseinszuständen: Wachzustand, Traum, Tiefschlaf und dem Vierten, Turiya handelt. Die Mandukya ist Teil des Atharva Veda, zählt zu den älteren Upanischaden und beleuchtet das metaphysische Sein ohne Eigenschaften, das kausale Sein, die vielfältigen Zustände des einen Seins und die Möglichkeit für die Wesen, sich in den einen oder anderen existenziellen Zustand zu begeben.

Diese existenziellen Zustände sind »Seinsweisen« oder Schwingungszustände, welche Eigenschaften ausdrücken; und jedes Wesen befindet sich – entsprechend den Eigenschaften, die es zum Ausdruck bringt – in dem jeweiligen Schwingungszustand. Die Upanischade ist in vier Schwingungsgruppen unterteilt: in visva, taijasa, prajna und Turiya.

Visva ist die Ebene, auf der wir den physisch grobstofflichen Zustand erfahren; taijasa weist auf den feinstofflichen Zustand hin, in den wir zurückkehren, wenn wir schlafen und auch wenn wir unser grobstoffliches »Kleid« ablegen, d.h. den physischen Körper verlassen. Visva und taijasa sind beide formal und durch den Dualismus von Subjekt-Objekt, Ursache-Wirkung und den individuellen Zustand charakterisiert: sie unterscheiden sich lediglich durch ihre Schwingung. Im taijasa-Zustand hat das Wesen die fleischliche Hülle abgelegt, behält aber weiterhin all seine Fähigkeiten in Hinblick auf Intellekt und Willen, Wahrnehmung und Bewusstsein.

Prajna ist der kausale keimhafte Zustand, die Essenz des Wesens. In ihm entsteht und in ihn kehrt alles zurück. In prajna kehrt die Wirkung – so wie alle anderen manifesten Polaritäten – in ihre Ursache zurück. In prajna ist das Wesen die einheitliche Synthese seiner selbst, reines Bewusstsein ohne irgendeine objekthafte Überlagerung; prajna ist daher ein Zustand des vollständigen Nicht-Begehrens, der Abwesenheit von Problemen, der Nicht-Bewegung; er ist reine Erkenntnis: eine Erkenntnis des letzten Subjektes und nicht mehr eine Erkenntnis der Erscheinungen oder der Objekte. Das Wesen erkennt sich in sich selbst, als sich selbst. Auf dieser Ebene wird Erkenntnis zu Bewusstsein, zu einem Bewusstsein, das sich selbst enthüllt.

Während sich die Wirklichkeit in visva und taijasa in Begriffen des »ich bin dies« ausdrückt, äußert sie sich in prajna in Begriffen des »ich bin«. Das »dies« (als erkennbares Objekt) verschwindet; übrig bleibt das reine Gewahrsein des Seins. Wenn sich die Wirklichkeit dann im »ich bin Das« auflöst, kehrt das Sein als Bestimmung des Absoluten in sein eigenschaftsloses und nicht-bestimmtes Substrat (Turiya) zurück.

Diese Rückkehr erfolgt beim Wiedererwachen zum Gewahrsein des atman. Die Befreiung ist daher keine »Eroberung«, keine Wirkung einer Ursache, die vorher nicht vorhanden war, denn der Zustand der Einheit (atman-Brahman) war immer existent und wird stets weiter existieren. Darum müssen wir zu dem erwachen, was wir – jenseits aller verhüllenden Überlagerungen – im tiefsten Inneren wirklich waren, jetzt sind und stets sein werden.

In der Mandukyakarika führt Gaudapada den Beweis, dass es nur eine unveränderliche, ewige, reale Wirklichkeit gibt, ohne Erzeugung und Auslöschung, ohne Ursache-Wirkung und Raum-Zeit, ohne Gegensatz und Widerspruch. Und da die Wirklichkeit konstant ist und eine vollkommene Einheit, folgert er, dass all das, was Verschiedenartigkeit, Vielfältigkeit, Unbeständigkeit und Veränderung darstellt, eben nicht die letzte und höchste Wirklichkeit ist, sondern eine Erscheinung oder Vorstellung, die nur vom Gesichtspunkt der »Meinung« aus als real betrachtet werden kann.

Raphaels Kommentar zur Mandukyakarika kann vor allem den Interessierten im Westen nützlich sein, die mit der umfangreichen hinduistischen und buddhistischen Thematik nicht vertraut sind.

Gaudapadas Kommentar zur Mandukya Upanisad wurde aufgrund der großen Meisterschaft seiner Darlegung zu einem eigenständigen Werk mit dem Titel Mandukyakarika. Dieses Werk gilt als eine der tiefgründigsten metaphysischen Schriften und stellt das Fundament der gesamten Philosophie des Advaita Vedanta dar.

»Mich zu Boden werfend grüße ich den Meister meines Meisters, den Ehrwürdigsten unter den Ehrwürdigen, der … aus Mitleid mit den Lebewesen diesen Nektar gespendet hat …: es sind die Veden, die er kraft seines erleuchteten Intellektes enthüllt.
Mit ganzem Herzen verehre ich meinen Meister, der die Furcht vor der Seelenwanderung zerstört. ... Wer zu seinen Füßen Zuflucht findet, kann die unfehlbare Erkenntnis der Upanischaden, Frieden und Demut verwirklichen.«
(Sankara)